Ruheoasen im Kita-Alltag
Rachel Brooker und Anne-Christin Künzer
Wir (Anne-Christin Künzer und ich) haben einen Artikel in der Berliner Bildungszeitung veröffentlicht diesen Monat- FREU! Wir bieten regelmäßige 1-tägigen-Workshops zur selben Thema:
Achtsame Momente in der Kita Alltag: eine Weiterbildung für Erzieher*innen, Nächste Termin
Unsere Artikel folgt. Viel Spaß bei der Lektüre!
Rachel
Achtsamkeit im Kita-Alltag
Rachel Brooker & Anne-Christin Künzer
…
Szene aus dem Kita-Alltag: Montagmorgen, 8:00 Uhr.
Sylvia ist mit bereits 7 Kindern im Alter von 2 bis 5 Jahren allein. Ein Kollege hat sich krankgemeldet und sie wartet auf Verstärkung, während 4 von den 7 Kindern ihr mitgebrachtes Frühstück essen. Bei einem Kind kippt der Becher um und das Wasser bahnt sich seinen Weg. Das Kind weint. Sylvia tröstet, beruhigt und wischt. Währenddessen fangen zwei Kinder am Tisch an sich zu hauen. Kind X fand die Frühstücksbox von Kind Y einfach interessanter als die eigene und hat beherzt zugegriffen. Sylvia versucht zu schlichten. Sofort wird das nächste Kind gebracht, das gerade erst eingewöhnt wurde und am liebsten sofort auf Sylvias Arm möchte. Der Vater hat einige Infos für Sylvia und ist selber noch unsicher. Der Abschied fällt auch ihm schwer. Gleichzeitig kommt es auf dem Bauteppich der Kinder, die nicht frühstücken, zu einem Streit, weil Kind A den Turm von Kind B umgekippt hat. Zum Glück kommt jetzt die Kollegin.
Sylvias Herz schlägt schneller und sie bemerkt erste Anzeichen von Kopfschmerzen. Sie nimmt bunte Tücher aus dem Schrank und verteilt diese an alle Kinder. Kleine Hände knüllen die Tücher wie zerknittertes Papier zusammen. „Jetzt pusten wir“, sagt Sylvia. Die Kinder kennen das schon. Sie pusten in die zusammengefalteten Hände hinein und öffnen sie dann sachte und langsam. Die Tücher bewegen sich wie in Zeitlupe und füllen die Kinderhände wie aufgehende Blüten. „Blume!“, ruft ein Kind. Sylvia atmet tief durch. Der Raum ist kurz still. Was hat Sylvia gerade gemacht? Eine kurze, kindgerechte Achtsamkeitsübung. In diesem Fall eine Notlösung für mehr Ruhe und eine kurze Erleichterung für alle.
Sylvia nutzt Achtsamkeitsübungen, um Ruhe und einen sensibleren Umgang miteinander zu schaffen. Sie baut die Übungen z.B. in den Morgenkreis, in die Snackpausen, vor dem Basteln oder spontan in Belastungssituationen,wie der eben dargestellten ein. Aber was bedeutet überhaupt „Achtsamkeit“?
Was ist “Achtsamkeit”?
Das Konzept der Achtsamkeit geht maßgeblich auf den buddhistischen Mönch Thich Nhat Hanh zurück, der diese Übungen nach seiner Verbannung aus Vietnam entwickelte. Achtsamkeit sollte dazu dienen, meditative Haltungen für alle zugänglich zu machen, ohne sich vom Leben zurückziehen zu müssen. So trugen entsprechende Übungen bspw. von Beginn an zu einem ausgewogeneren Nähe-Distanz-Verhältnis in der durch die buddhistischen Mönche geleisteten Flüchtlingsarbeit bei.
Auf Grundlage von Hanh’s Techniken und psychologischen Erkenntnissen entwickelte der Molekularbiologe Dr. Jon Kabat-Zinn ab den 1970er Jahren die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, ein 8-wöchiges Programm, das seitdem weltweit im Gesundheitsbereich erforscht und multipliziert wurde. Heute wird es von gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland gefördert.
Die Techniken des Achtsamkeitstrainings dienen dazu, Kontakt zum eigenen Körper, zu eigenen Gedanken und Gefühlen aufzubauen. Ob das zu mehr Emotionalität wie z.B. Wut-Ausbrüchen führt? Im Gegenteil! Achtsamkeit unterstützt einen bewussten Umgang mit Emotionen, die akzeptiert und dann möglichst konstruktiv ausgedrückt werden.
Warum Achtsamkeit mit Kindern?
Kinder profitieren auf kurze und lange Sicht von Achtsamkeitspraktiken. Bei Kindern, die an schulbasierten Achtsamkeitsprogrammen teilgenommen haben, wurden Verbesserungen sowohl in kognitiven als auch emotionalen Bereichen festgestellt (Engel et al., 2020). So erlebten sie z.B. eine Steigerung ihrer exekutiven Funktionen1, ihrer Konzentrations- und Merkfähigkeit. Zudem zeigten sie weniger Angst- und Depressivitätserleben sowie ein besseres Wohlbefinden (ebd.). Menschen, die im frühen Leben erfahren haben, dass sie auf ihren inneren Zustand mit Übungen einwirken können, verinnerlichen diese Erfahrungen und lernen spielerisch, entsprechende Konzepte auch im späteren Leben anwenden zu können.
Laut Thich Nhat Hanh ist „die erste Funktion der Achtsamkeit, Emotionen zu erkennen, nicht gegen sie zu kämpfen“. Kinder bekommen im Alltag des Öfteren zu verstehen, dass ihre Gefühle nicht gut oder erwünscht sind („Hör auf zu weinen!“). Oftmals haben die Erwachsenen selber Schwierigkeiten, starke Gefühle zuzulassen und zu verarbeiten und können deshalb schwer mit starken Emotionen bei Kindern umgehen. Durch Achtsamkeit lernen die Kinder ihre Gefühle zu spüren, diese ohne Wertung anzunehmen und anschließend loszulassen, oft mit Hilfe des Atems und/oder der Körperbewegung (vgl. Booklet, S. 99).
Für Pädagog*innen ist es besonders wichtig, die Gefühle der Kinder ohne Wertung wahr- und anzunehmen. Starke Gefühle, wie z.B. Wut, können durch Übungen aufgegriffen werden. So wird den Kindern spielerisch vermittelt, dass es in Ordnung ist, wütend zu sein (vgl. Booklet, S. 99). Durch diese Achtsamkeit sich selbst gegenüber wird zudem der Selbstwert der Kinder gesteigert, weil den Kinder vermittelt wird: Du bist ok so, wie du bist.
Auch Pädagog*innen profitieren erheblich von Achtsamkeitspraktiken in dem Kita-Alltag, eine Unterstützung die dringend gebraucht wird. „Strukturell müssen wir viel an unseren Schulen und Kitas verändern, damit es nicht zu solchem Druck kommt“ sagt Anne-Christin Künzer, die Kinderyogalehrerin und Sozialpädagogin aus diesen Beispiel. „Aber während wir daran arbeiten, stecken die Pädagog*innen im Trubel. Wir sind oft alleine mit zu vielen Kindern. Und die Familien haben ebenfalls Bedürfnisse, auf die wir im Sinne einer gelungenen Erziehungspartnerschaft eingehen möchten. Den Pädagog*innen wird ganz viel abverlangt. Und das oftmals alles gleichzeitig!“ Bei Anwendung von Achtsamkeitsübungen in der Kita, entstehen kleine Ruheoasen in dem Kinder wie Erwachsene durchatmen, sich spüren sich und können ihre Umgebung differenzierter wahrnehmen, was zu weniger Reaktivität und Konflikt führt. Für Pädagog*innen können diese kleine Änderungen zu eine Verbesserung des wahrgenommenen Stresses und ihre viele gesundheitlichen Auswirkungen führen. Wer für Kindern da sein will, muss auch immer wieder für sich selbst da sein können, Atemzug für Atemzug.
Übungen für Achtsamkeit im Kita-Alltag
Neben zahlreichen Fortbildungsmöglichkeiten zum Thema „Achtsamkeit mit Kindern“ sowie der Möglichkeit, externe Lehrende für Kinderyoga oder Achtsamkeitseinheiten in die eigene Praxis einzubinden, existieren zahlreiche Übungen, die sofort im Kita-Alltag umgesetzt werden können. Wer Achtsamkeit in den Kita-Alltag integrieren möchte, kann z.B. auf folgende Übungen mit oder ohne Material zurückgreifen:
Klangschalen-Übung: Der inneren Stille lauschen (nach Thich Nhat Hanh).
Diese Übung geht gut mit einem Klangstab oder einer Klangschale. Sollten diese nicht vorhanden sein, kann man auch kreativ mit anderen Geräuschen arbeiten.
Lass den Klangstab ertönen und atme danach tief durch. Die Kinder sollen versuchen, ganz leise zu sein und dem Ton genau zu lauschen. Ziel ist es, ruhig zu bleiben, bis der Klang vorbei ist, tief und langsam zu atmen und dabei den eigenen Atem genau zu spüren.
Eine Variation für kleinere oder unruhige Kinder ist es, die Kinder darum zu bitten genau auf das Ende vom Ton zu hören. Wenn sie kein Ton mehr hören, bitte ein Finger heben: „Wir warten bis alle die Finger heben und sind leise, damit alle den Ton hören können.“
Bei Vorschulkindern kann man auch thematisch arbeiten, z.B. indem jedes Kind einmal den Klangstab zum Tönen bringen darf. Alle atmen ruhig, und wenn der Ton endet, dann erzählt das Kind etwas z.B. über seine/ihre Woche, teilt einen besonderen Wunsch, oder antwortet auf eine andere Reflexionsfrage.
Ess-Meditation (vgl. Thich Nhat Hanh)
Setze eine Schüssel mit Obst mitten in den Kreis oder auf dem Tisch (bietet sich hervorragend an zum Vespern). In diesem Beispiel nutzen wir Mandarinen.
Bei Vorschulkindern: jedes Kind bekommt eine Mandarine/ein Stück Obst und soll bitte noch nicht essen.
Bei kleineren Kindern: Das Obst bleibt erstmal in der Schüssel.
Riech an deiner Mandarine. Wie fühlt sie sich an? Welche Farbe hat sie genau?
Wo kommt Obst her?
Besprecht mit den Kindern ,wie Mandarinen am Baum wachsen. Was brauchen die Bäume? Sonne, Regen, Erde.
Stell dir vor DU bist ein Mandarinenbaum. Die Sonne scheint auf dich. Es regnet und du kannst ganz genüsslich trinken. Du spürst die leckere, warme Erde unter dir. Dir wachsen Blätter, und Blüten. Die Bienen kommen und trinken Nektar von deinen Blüten. Dann werden sie zur Frucht! Arbeiter*innen pflücken die Mandarinen. Sie werden in LKWs gepackt, und von Spanien nach Deutschland gefahren. Dann kommen sie im Supermarkt an und jetzt sind sie hier auf unserem Tisch. Wow! Es musste so viel passieren, damit wir diese Früchte hier haben.
Jetzt machen wir die Mandarinen auf. Riecht die Frucht geöffnet anders?? Wir essen jetzt ganz ruhig unsere Mandarinen und denken dabei an den Baum.
Mut-Mudra: (vgl. A. Helten, S. 106)
Affirmationen (positiv formulierte und autosuggestive Sprüche) können wunderbar in den Kindergarten-Alltag integriert werden.
Mudras sind Fingerhaltungen („Yoga für die Finger“), die Kraft und Ruhe verleihen können, wenn es vielleicht mal wieder etwas drunter und drüber geht Als Beispiel haben wir das „Mut-Mudra“ mitgebracht. Aber vielleicht findet ihr, möglicherweise auch gemeinsam mit den Kindern, noch weitere positive Sprüche, die noch besser zu euch passen.
Und so funktioniert der Spruch. Findet, wenn möglich, einen bequemen Sitz. Legt jeweils Zeigefinger und Daumen zusammen. Die übrigen Finger sind locker gespreizt. Sprecht laut „Ich“
Jetzt berühren sich Mittelfinger und Daumen. Sprecht laut „bin“
Nun legt ihr den Ringfinger auf die Daumen. Sprecht laut „ganz“
Als letztes verbindet ihr die kleinen Finger mit dem Daumen. Sprecht laut: „mutig“.
Pusteblume
Jedes Kind bekommt ein buntes Tuch. Zeige den Kindern wie sie die Tücher in beiden Händen zusammenknüllen können (bei kleineren Kindern, hilf gerne das Tuch klein zu machen). Wenn alle Kinder bereit sind, leite sie an ganz sachte in die Hände zu pusten, und die Hände dann langsam zu öffnen, damit die Blumen aufgehen können. Gerne mehrmals wiederholen.
Durch die verlangsamte Ausatmung wird der Parasympathikus aktiviert, welcher eine Entspannungsreaktion auslöst, welche Ruhe, Verdauung, Regeneration und Schlaf unterstützt. Gleichzeitig ist das eine taktile und visuelle Wahrnehmungsübung, die Präsenz im Hier und Jetzt und Verbindung zur Körper unterstützt.
Vulkan
(vgl. M. Wenig, S. 52/53)
Kennt ihr das, wenn ihr richtig wütend seid? Dann hat man manchmal das Gefühl, dass man gleich explodieren müsse. Auf friedliche Weise können wir als Vulkan Dampf ablassen.
Wir stellen uns alle hin und führen die Arme vor dem Brustkorb zusammen, so dass die Fingerspitzen sich berühren.
Wir hüpfen hoch und landen mit geöffneten Armen und Beinen
Jetzt legen wir die Handflächen vor der Brust zusammen („Namaste“), atmen ein und heben die Hände über den Kopf
Wir atmen aus und lassen die Hände explodieren, indem sie lang zu beiden Seiten ausstrecken.
Anschließend lassen wir die Hände seitlich sinken, legen sie wieder vor dem Herzen zusammen und explodieren erneut. Ihr könnt laute Explosionsgeräusche machen, hoch hüpfen, rufen, worüber ihr euch geärgert habt (keine Schimpfwörter!). Wenn euer Ausbruch zu Ende ist, schließt ihr wieder eure Füße und kommt in die Berghaltung.
Wackelpudding
(vgl. M. Wenig, S. 45)
Kennt ihr Wackelpudding? Wunderbar! Dann zeigt mir doch, wie es aussieht wenn ihr wie ein Wackelpudding wackelt. Schüttelt euch von Kopf bis Fuß. Schüttelt, wackelt, vielleicht auch das Gesicht?
Dann komm wieder zur Stille. Wie fühlt sich dein Körper jetzt an?
Rachel Brooker und Anne-Christin Künzer geben Unterricht und Fortbildungen in Kitas und Schulen. Sie teilen auch gerne ein PDF mit weiteren Achtsamkeitsübungen für die Kita-Alltag auf Anfrage per Email. www.turiya.berlin, info@turiya.berlin.
Quellen:
Brooker, Rachel: Booklet Turiya Kinderyoga Ausbildung Berlin: 2021
Helten, Andrea: Yoga für dich und dein Kind. München: riva Verlag 2017
Wenig, Marsha: Yogakids – Spielerische Übungen für Konzentration, Ausgeglichenheit und Wohlbefinden bei Kindern. München: riva Verlag 2018
Nina Engel, Stephan Schiemann, Maria von Salisch, School-based Mindfulness Programs for Children and Adolescents, Prax Kinderpsychol Kinderpsychiatr 2020 Jul;69(4):289-304.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32615896/
Achtsamkeit mit Kindern Taschenbuch – 21. März 2022 von Thich Nhat Hanh
1Die exekutiven Funktionen sind kognitive Fähigkeiten, die für die Kontrolle und Selbstregulierung des eigenen Verhaltens erforderlich sind. Sie ermöglichen es uns, einen Aktionsplan zu erstellen, einzuhalten, zu kontrollieren, zu korrigieren und auszuführen, um ein Ziel zu erreichen.
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